Klaus Berger, Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden,
München: Pattloch Verlag, 2013. 

Der 2020 verstorbene Neutestamentler Klaus Ber­ger sagt: Der Bibelglaube wurde von der liberalen Exegese zerstört. Sein Buch »Die Bibelfälscher« (2013) versteht sich daher als dringender Appell »zu einer Reformation der sogenannten historisch-kritischen liberalen Exe­ge­se« (S. 10). Denn »200 Jahre fleißig und intelligent betriebene Bibelwissenschaft hat eine volkskirchliche Wüste hinterlassen« (S. 9). Sie »hat alles Prozellan im Haus der Christenheit zerschlagen« (S. 345). Der streitbare Theologe weiß, wovon er spricht. Aus dem komplexen Drama der Verdrehung der biblischen Grundlage des christlichen Glaubens, greife ich nur einen Akt heraus, der mir – von Swedenborg herkommend – besonders am Herzen liegt: die systematische Zerstörung der hohen Christologie.

Die gelehrte Armada, die dieses Werk vollbringen wollte, musste zunächst die historische Glaubwürdigkeit der Evangelienberichte untergraben. Ihr Zentraldogma ist der sog. »Ostergraben«. »Gemeint ist damit der Abstand des ›historischen Jesus‹ von der Gemeinde, die ›seit Ostern‹ einen ganz anderen Jesus verkündigt« (S. 85). Diese Sichtweise führte folgerichtig dazu, »dass man bekannte, über den historischen Jesus fast gar nichts zu wissen, außer seinem Gekommensein, d.h. außer der Tatsache, dass er gelebt hat« (S. 86). Berger weist darauf hin: »Es gibt unter US-Anhängern der Third-Quest-Gruppe« – gemeint ist damit der 3. Anlauf zur Frage nach dem historischen Jesus – »Gelehrte, die verkünden: Die Anzahl der echten Jesusworte ist so gering, dass man sie auf einer Postkarte zusammenstellen könnte« (S. 140).

Das neue und vor allem zeitgemäße Jesusbild, das man sich nach der Zertrümmerung des alten zusammengezimmert hatte, sieht ungefähr so aus: »Jesus hat nicht über sich, sondern über das kommende Reich Gottes gesprochen« (S. 134). Als dieser bloße Prediger des Gottesreiches wurde er mehr und mehr »zum blassesten aller Friedenstäubchen«, »zum sandalentragenden Verkünder belangloser Sonn­tags­weisheiten«, »zum einseitigen Verkündiger einer einzigen Ideologie«, »nämlich der des Gewaltverzichts und Gutmenschentums um jeden Preis« (S. 252). Jesus steht als reiner Mensch da, der im Traum nicht daran dachte, in der Rezeptionsgeschichte zum Kyrios – das ist der Gottesname in der Septuaginta – stilisiert zu werden. »Nach dem amerikanischen Jesusforscher Robert Funk soll das Ziel der Jesusforschung eine Degradierung Jesu sein« (S. 140). »Der eigentliche Skandal des mensch­gewordenen, in die Geschichte eintretenden Gottes wurde aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht« (S. 80).

Die christologischen Hoheitstitel – vgl. das klassische Buch von Ferdinand Hahn »Christologische Hoheitstitel« – können in dieser Sichtweise nur nachösterlich, d.h. Gemeindebildungen sein. Berger schreibt: »So wie die Eule der Minerva erst am Abend fliegt, bildeten sich die begrifflichen Hoheitstitel erst nach dem Entschlafen Jesu, d.h. nach dem Ende seines Erdenwirkens« (S. 75). »Die Entstehung des christlichen Glaubens konnte man so denken als Bildung eines Geflechts aus Titeln« (S. 75). Nicht jener Jesus von Nazareth ist also der Ursprung des Christentums, sondern »Ostern«, – was immer auch damit nach der Leugnung der Faktizität der Auferstehung noch gemeint sein soll. Das Christentum erweist sich so gesehen als eine Bewegung aus dem 1. und 2. Jahrhundert, entstanden in Kleinasien, weitab von Palästina. Alles Jesus Zugeschriebene ist Dichtung.

Aus swedenborgscher Sicht erfreulich ist Bergers Rückkehr zu einer schon im Ursprung vorhandenen, hohen Christologie. Er schreibt: Der heiße Kern des Auftretens Jesu ist »die Nähe Jesu zu Gott. So gehe ich davon aus, dass Jesus von Anfang seines Auftretens an behauptet hat, in ihm und seinem Tun sei Gott selbst gegenwärtig« (S. 143). »Jesus tritt von vornherein als der auf, der Gott total ähnlich ist« (S. 144f.). »Jesu Taten sind direkt Gottes Taten« (S. 145). »Als der Sohn ist Jesus Abbild des unsichtbaren Gottes. Er ist das einzige Bild Gottes. ›Wer mich sieht, sieht den Vater‹ (Joh 14,9). Er ist nicht nur gesandt, sondern er repräsentiert Gott.« (S. 147). »Jesus hat sich selbst von Anfang an als Ort der Gegenwart Gottes betrachtet und wurde nicht erst im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte immer mehr zu Gott« (S. 149).

Das Johannesevangelium ist bei der Rekonstruktion des Bewusstseins des historischen Jesus viel ernster zu nehmen als das gemeinhin der Fall ist. Swedenborg hat auf das darin enthaltene, zentrale Konzept der Erhöhung oder Verherrlichung hingewiesen, d.h. der sukzessiven und am Kreuz vollendeten Vergöttlichung Jesu. Jesus ist das Ende der Unsichtbarkeit Gottes (Joh 1,18; 14,9); er ist der schaubare Gott, »in dem der unschaubare wohnt wie die Seele im Leib« (WCR 787). Wir bedauern von daher die Entpersönlichung des christlichen Gottes und den Rückfall in die Rede von Gott als dem namenlosen Geheimnis. Denn der christliche Name Gottes ist Jesus Christus.